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Ausstellung

JACQUES MAHÉ DE LA VILLEGLÉ
JACQUES MAHÉ DE LA VILLEGLÉ
Jacques Villeglé
Porte Maillot-Ranelagh
November 1957
Plakatabriss, auf Leinwand aufgezogen
ahlers collection
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
07. Juli 2007 - 27. Januar 2008

JACQUES MAHÉ DE LA VILLEGLÉ

Ein Plakatabreißer aus Paris / Un Décollagiste Parisien

Der 1926 in Quimper geborene Bretone Jacques Villeglé, dessen vollständiger Name Jacques Mahé de la Villeglé lautet, beginnt 1944 eine Ausbildung als Maler an der Kunstakademie in Rennes. Dort lernt er Raymond Hains kennen. Ihre Unzufriedenheit mit der akademischen Ausbildung und die damit verbundene Außenseiterposition führt sie zusammen und lässt sie Freunde werden. Villeglé wechselt zur Architektur und geht nach Nantes, Hains bricht das Studium ab und zieht nach Paris. Aber auch mit der Architektur ist Villeglé nicht glücklich. Lieber sammelt er auf langen Spaziergängen am Atlantik Fundstücke, die er zu Skulpturen zusammenfügt. Darunter sind Werke aus Stahl- und Eisendraht, von denen er Hains in seinen Briefen berichtet. Hains hat inzwischen den anonymen Plakatabriss der Straße als künstlerische Manifestation entdeckt. Erst fotografiert er ihn nur, dann legt er selbst Hand an und fixiert abgerissene Plakate auf der Leinwand.

1949 kommt auch Villeglé nach Paris, und die beiden praktizieren in den folgenden fünf Jahren die gemeinsam weiterentwickelte Technik des Plakatabrisses. Ihre erste vierhändige Arbeit ist "Ach Alma Manetro", benannt nach den Wortfragmenten, die auf dem Abriss erscheinen. Während Villeglé den Plakatabriss auch in den folgenden Jahrzehnten als seine zentrale künstlerische Ausdrucksform betrachtet, geht es Hains fortan insbesondere um die Dekonstruktion von Sprache, und er experimentiert hierzu auch mit anderen Techniken. Beide verfolgen ähnliche Konzepte wie auch die anderen Plakatabreißer, namentlich François Dufrêne und der Italiener Mimmo Rotella. Dufrêne favorisiert bei seinen Abrissen die 'malerischen' Rückseiten der Plakate. Rotella reißt im Gegensatz zu den Pariser Affichisten seine Plakate um des von ihm gewünschten Effektes willen lieber selbst ab, als die Aufgabe anonymen Passanten zu überlassen. 

Derartige eigenmächtige Eingriffe sind für Villeglé völlig ausgeschlossen. Für ihn liegt der künstlerische Wert des Abrisses gerade in seiner anonymen 'Bearbeitung'. Nur dadurch wird er zum authentischen Zeugnis seiner Zeit. In den Bildern, die durch die Abrissakte der Passanten entstehen, mischen sich die unterschiedlichsten Stimmen. Das Gestern begegnet dem Heute, der Revolutionär dem Reaktionär, der Konsum seiner Kritik, der Kapitalismus seiner Unterwanderung. Der Kritiker Benjamin Buchloh hat in einem Essay zur Bedeutung des Plakatabrisses hervorgehoben, dass er vielleicht "die am meisten unterschätzte und missverstandene künstlerische Aktivität im Europa der Nachkriegszeit" sei. Dieses künstlerische, aber auch gesellschaftskritische Potenzial ist der Grund dafür, das Villeglé dem Verfahren des Plakatabrisses über mehr als fünf Jahrzehnte treu blieb. Inzwischen ist sein Werkverzeichnis in sieben Bänden erschienen, in denen die Abrisse nach unterschiedlichen Kategorien klassifiziert sind, die sowohl ihre inhaltliche, politische und sozioökonomische als auch ihre formale, malerische und typografische Qualität herausheben. In der Ausstellung der Stiftung Ahlers Pro Arte / Kestner Pro Arte werden wichtige frühe Abrisse aus den 1950er- und 1960er-Jahren gezeigt. Sie vermitteln eindrucksvoll, was Villeglé im Rückgriff auf Balzacs "comédie humaine" als "comédie urbaine" bezeichnet hat.

Im Zusammenhang mit der Ausstellung stellt die Stiftung Ahlers Pro Arte / Kestner Pro Arte auch das von Jacques Villeglé verfasste Buch "La Traversée Urbi & Orbi" vor. Die Stiftung hat das Buch übersetzen und herausgeben lassen. In ihm entwickelt der umfassend gebildete Autor eine Theorie und künstlerische Legitimierung des Plakatabrisses, wobei die Auseinandersetzung mit Duchamps Readymade eine wichtige Rolle spielt. Auch die Verweise auf bedeutende Vorläufer nehmen breiten Raum ein. Zu ihnen zählen der Surrealist Léo Malet und der Dadaist Johannes Baader, dessen Biografie Villeglé detailliert schildert, was umso verdienstvoller ist, als Baader bei uns weitgehend in Vergessenheit geraten ist.


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